EVA ROSENSTIEL

Roundabout

von Brigitte von Savigny

Art media Edition - Roundabout

„Roundabout“ ist das englische Wort für umgebend, einschließend, für Kreisverkehr und Karussell. Was aber heißt roundabout im Zusammenhang mit dem Werk von Eva Rosenstiel? Am Anfang stehen bei ihr zunächst kleinformatige Papierabzüge, die wie flüchtig entworfene Skizzen von unterwegs zufällig geschossenen Fotografien ins Atelier wandern, zur partiellen Übermalung mit Tusche oder Acryl. Hier lagern sie 1000-fach im Arsenal, bis zu dem Moment, in dem die Künstlerin in einer Art Plünderung einzelne, Impulse sendende Paradiesformate aufspürt. Dann wird das einst im Augenblick der Entdeckung geknipste Bild zur Inspirationsquelle für Erfindung und Neubildung. Es können jedoch Jahre vergehen, bis das Motiv den Bedeutungshorizont erweitert. Was jetzt fremd oder nah ist, bleibt offen. Hier nun findet der Begriff roundabout seinen ersten Halt im Werk von Eva Rosenstiel, denn er führt sehr subtil zu einer Veränderung der Fotovorlage, der dokumentarische Charakter entfällt, und in einem Bündel an Verfahren transferiert sich das Bild in ein neues eigenständiges Gemälde.

Im Unterschied zum reinen Übermalen führen hier Facetten zusammen, die Rosenstiel zu den vorhandenen Bildinformationen addiert, ergänzt, variiert oder retouchiert. Es ist kein sparsames Konzept. Jedes Bild entsteht in einem langen Prozess des Abtastens formaler und farblicher Äquivalenzen zwischen den einzelnen Schritten. Entscheidend ist dabei ein weiterer Schritt hin zur Abstraktion, indem das übermalte Bild durch Scannen und Blow-ups in unterschiedliche Formate vergrößert wird. Die Dinge erscheinen jetzt reduziert vereinfacht als farbige, vibrierende Flächen. Aber die Faszination, die noch vom verborgenen Motiv ausgeht, bleibt auf eine erzählerische Weise erhalten.

Das im Tintenstrahldruckverfahren vergrößerte Blow-up erweist sich als leichte, luzide Membran, deren glatte Oberflächensubstanz eine hervorragende Charaktereigenschaft vorgibt: sie ist auflösbar. Mal zögerlich, mal rastlos entschlossen agiert Eva Rosenstiel nun auf der noch vorhandenen Struktur und lotet die Vielschichtigkeit der Dinge, die Unabsehbarkeit ihrer Erscheinung aus. Das führt zu einer enthemmten, obsessiven, aber nicht wilden Freiheit auf dem Bild, als gäbe es keine Grenzen. In dieser Hinsicht ist ihre Malerei noch verfeinert, wenn aus der angelösten Drucktusche Wasser und Schwamm Spuren herauszeichnen. Eva Rosenstiel nennt diesen Vorgang „Schürfen und Graben“. Bei aller Strukturiertheit und Kalkuliertheit sind gerade die überraschenden, durch Zufall auftauchenden Farb- und Formmoleküle diesem Gestus geschuldet. Es ist verblüffend zu sehen, dass die Bilder trotz der dunklen Farbzustände eine erstaunende Leichtigkeit ausstrahlen. Ein all-over überspannendes Meer aus Punkten und Tupfenregen setzt unendlich viele Farbduette frei, bis sich alles untrennbar ineinander verschwistert, so dass sich nicht mehr sagen lässt, wo die Spirale der Dynamik ihren Anfang genommen hat. Die unterschiedlich rhythmisierte Textur, deren Aussehen auf keinen Fall vor Beginn des Prozesses feststeht, steuert keine Illustration an, sondern kristallisiert eine in Bewegungslosigkeit erstarrte Camouflage heraus.

Neben der Werkgruppe „Waldbilder“ – Natur und Landschaft – folgte nahezu gleichzeitig ebenso konsequent die des „Magazins“. Der Titel deutet sowohl die Herkunft der in Magazinen entdeckten Bildvorlagen an als auch das Verarbeiten von Interieurs unterschiedlicher Ladenlokale, in denen Schmuck, Gewürze, Perlen angeboten werden. Die durchdringende Raumperspektive zeigt mal dezent, mal verdichtend farbstrukturierte Flächen, die erst mit dem zweiten sezierenden Blick die subtile Dialektik der einzelnen Schritte entfaltet. Keine Spur verweist hier auf den topografischen Ort. Nichts erinnert an den ursprünglichen Standort der Fotografin, das Rebus versandet mir nichts dir nichts im Nirgendwo und Überall. Dechiffrierbar ist ein lichtreflektierender urbaner Raum, der in einer geschlossenen malerischen Aktivierung und einer spannungsreichen Intensität erscheint. Die Mittelbarkeit der szenischen Schilderung wurde jedoch erheblich gestört. So versuchen die Bilder von Eva Rosenstiel durch eine Art Mimikry – im exakten Sinn also: Tarnung – auf die Dissonanz zwischen innen und außen aufmerksam zu machen.

Diese Freiheit in Farbe und Form, die auch etwas Geheimnisvolles beinhaltet, verbindet sehr sanfte Bezüge zur Haltung, die Eva Rosenstiel ihrer Arbeit gegenüber einnimt. Sie ist geprägt durch die spezifische Weise des Beobachtens und Eingreifens, wenn etwas ihre Aufmerksamkeit erweckt und aus einem harmlosen Dämmerzustand in Bilddramatik geführt wird – ohne dass sich ihr je die Frage stellen würde, ein Problem aus der Welt schaffen zu wollen. Ihre ganze künstlerische Konzeption steht in direkter Beziehung zu den destillierbaren Aussagen und ist doch von Zweifel und zurückhaltender Skepsis charakterisiert. Sie kann auf einem losen Experimentierfeld und im Moment des schöpferischen Erfindungsgeistes die unterschiedlichen Möglichkeiten erkunden, vor allem die Farbe selbst: Wie weit trägt die Farbe, wie klar ist Farbe?

Über nachhaltige Irritation spitzt sie die Problematik von Illusion, Realität und Identität zu. Vor allem interessiert Eva Rosenstiel, wie sich die vermeintliche Identität einzelner künstlerischer Schritte verändert, wenn sie mit anderen in einen Dialog tritt – und was geschieht, wenn diese vor einem neuen Hintergrund platziert wird. Sie fahndet nach Zusammenhängen, danach wie Formen entstehen, welche Konstellationen zwischen ihnen existieren, zwischen Zentrum und Peripherie, Beabsichtigtem und Unbeabsichtigtem. Das Motiv ist eigentlich irrelevant. Es wird auch nicht gewählt aus ästhetischen Gründen oder um das einzelne in den Vordergrund zu drängen.

Neuerdings entstehen Triptychen, die eher aus der Not heraus geboren sind, weil technisch bedingt nur ein maximales Print-Maß zu Verfügung steht und deshalb die vertikale Teilung erfordert. In diesen großen Formaten wird nun eindrücklich sichtbar, dass das, was einst Wirklichkeit war, nur noch äußerst vage zu entwirren ist, und Details sich in einem unüberschaubaren Feld diffus verschleiern. Das reizt umso mehr den Fokus auf die agierende Farbform zu lenken, wo aufs Neue die textuelle Komplexität der Lineatur von Codes, Zeichen, Symbolen als weiches Fumato schwimmt. Nicht ohne Ironie ist in der Ausstellung „roundabout“ ein Kinderkarussell in Feuerwerk leuchtenden Kapriolen und Konfetti sprühenden Farbexplosionen eingearbeitet. Hier tritt etwas gemeinsames ans Licht. Die ganze Fläche erzeugt eine Ruhe und über allem liegt eine Stille oder angehaltene Zeit. Diese Bilder sind nicht als Konterfei zu verstehen und auch nicht als Momentaufnahme, sondern um die Zeit als Zeitlichkeit spürbar werden zu lassen. Es zeigt aber auch den in einem komplexen Verfahren aufgebauten unabgeschlossenen, unabschließbaren Prozess. Daran gekoppelt ist die Tatsache, dass nun eine Datierung des einzelnen Werkes nahezu ausgeschlossen ist, es sei denn die Künstlerin legt jeweils ein Diarium an, in dem die unterschiedlichen Veränderungen oder Übermalungen festgehalten werden.

Eingebettet sein im geschlossenen Zirkel des Geschehens bedeutet ein Surplus, denn Eva Rosenstiel ist leidenschaftliche Malerin, die Instinkt einsetzt und einer inneren Gesetzmäßigkeit folgt. Nach dem Studium bei Peter Dreher in Karlsruhe und nach 30 Jahren Erfahrung verfügt sie über routiniert malerisches Kalkül und Konzentration zur Überwindung von Chaos durch Suchen, Übermalen, Zerstören, Wegnehmen ... Da ist sie, wie gesagt, Künstlerin, die im Malprozess lebt und aufgeht. Bewusst spielt sie hier mit der eigenen Biografie und nicht zufällig verweisen inhaltliche Parallelen auf den indirekten roundabaout a way, den Umweg, der Wesenheit, Flucht, Refugium miteinschließt.

Es existieren im umfangreichen Werk von Eva Rosenstiel auch einzelne Bilder, aber in der Regel sind es Reihen oder Serien, bei denen es auch um Korrespondenzen geht. In einem Parallelprozess, quasi auf Transit, befindet sich ein Konglomerat verschieden großer Tafeln, bei denen die fotografierte Vorlage am Anfang eine irgendwie geartete Rolle gespielt hat. Wir bewegen uns hier wie in einem Labor von Versuchsanordnungen. Darin wird getupft, gekleckst, gestrichelt, bisweilen auf Tafeln die schon vor einigen Jahren auf Ausstellungen zu sehen waren, und nun plötzlich nach einer bestimmten Frist auf experimentellem Weg permutativ kombinatorisch receycelt wieder erscheinen. Die Deutung von roundabout lässt sich auf die in den Werkzyklus rückgeführte Weise des Abtragens der Tintenstrahldrucktusche nun in die umgekehrte Richtung, des Hinzufügens von Ölfarbe erweitern. Den Malträger, der sowohl als Aluminiumprint als auch Glas und Spiegelglas bestehen kann, überzieht ein Geflecht markant farbakzentuierter Ölflecken, die Formen und Flächen des darunter liegenden Motivs umgehen, isolieren oder zudecken. Auf dem kühl scheinenden Spiegelfond werfen sich je nach Pinselschwung fette pastose Inseln auf, die dann als unabhängige Farbreliefs im Glas durch Verdoppelungen oder gebrochene Perspektiven reflektieren und in den Raum forttragen.

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