EVA ROSENSTIEL

Rapport

Einführungsrede von Nicoletta Torcelli

Kunsthaus L6, 22.Oktober 2010

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kunstfreundinnen und Kunstfreunde,

darf ich bitten? Nicht zum Tanz möchte ich Sie auffordern, sondern dazu, mich bei meinen Gedanken zur Kunst von Eva Rosenstiel zu begleiten. Manche dieser Gedanken führen im Kreis, und dass sie doch ein bisschen etwas mit Tanzen zu tun haben – dafür sorgt der musikalische Auftakt der Ausstellung. „La valse a mille temps“ von Jacques Brel – der Walzer der tausend Takte, so heißt das Chanson, das uns am Eingang der Ausstellung atmosphärisch einstimmt. Tanzbar sind tausend Takte natürlich nicht, aber sehr wohl singbar. Im Laufe des Chansons nehmen Schwung und Tempo zu; sprachlich und melodisch gerät der Tanz immer mehr zu einer dynamischen Bewegung, die einen schwindeln lässt. Dreht man sich beim Walzer doch immerzu im Kreis. Und natürlich auch beim Lebenskarrussel.

Dass der Kreis in der Kunst von Eva Rosenstiel eine wichtige Rolle spielt, können Sie auf den ersten Blick sehen, denn er ist das strukturierende Element der Ausstellung. Die Vorstellung des „Roundabout“, des Verkehrsrondells oder auch Karrussells, begleitet sie bei ihrem Kunstschaffen schon seit langem. Das hängt mit dem Prinzip der Serie zusammen, das heißt: das über Jahre hinweg konsequente Arbeiten an einem Thema nach gleichen Voraussetzungen. Da hat ihr Professor aus der Karlsruher Akademiezeit, Peter Dreher, seine Spuren hinterlassen. In der Serie steckt ja immer etwas von Wiederholung – wenn man immer und immer wieder das Gleiche tut, sagt man, drehe man sich im Kreis.

In der Ausstellung zeigt sich das serielle Prinzip in den kleinformatigen überarbeiteten Fotografien in sogenannten Paradiesformat – viele kennen sicher diese Bezeichnung für die Postkartengröße „de luxe“, 10 x 15 cm. Gezeigt werden Arbeiten aus der offenen Werkreihe, die Eva Rosenstiel 2005 begonnen hat. Die Exponate aus diesem inzwischen gewaltigen Archiv präsentiert sie in immer unterschiedlichen Anordnungen und Konstellationen.

Hier ziehen sich die Bilder als schmales Fries wie ein Verbindungsband durch den Raum und geben der Ausstellung ihre installative Form, sie sind eine Art Leitlinie und sorgen für Kontinuität. Gleichzeitig evozieren sie Bewegung, eine Bewegung in der Zeit - wie bei einem Filmstreifen sind die Bilder aneinandergereiht. So laden sie dazu ein, sich selbst kreisförmig in Bewegung zu setzen, an ihnen entlang den überbordenden, den durch seine Detailfülle kaum zu fassenden Bilderkosmos zu entdecken.

„Rapport“ hat Eva Rosenstiel ihre Ausstellung genannt. Das Wort hat mehrere Bedeutungen. Zum einen bedeutet es Auskunft, Nachricht, Mitteilung, Meldung, Schilderung, Erzählung... Die Ausstellung ist insofern ein Bericht, der aufzeigt, wo Eva Rosenstiel als Künstlerin gerade steht und an welchen Themen und Techniken sie in letzter Zeit gearbeitet hat. Zu den weiteren Bedeutungen des Ausstellungstitels werde ich später etwas sagen – doch zuerst einmal wollen wir das Grundthema ins Auge fassen.

Auf jedem einzelnen dieser Exponate kann man sehen: Eva Rosenstiel arbeitet als Künstlerin an mehreren Schnittstellen. An der Schnittstelle zwischen Malerei und Fotografie, und an der Schnittstelle zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion. Die Vorgehensweise: Zuerst macht sie Fotos, meistens mit einer analogen Kleinbildkamera. Diese Fotos kann man als Schnappschüsse bezeichnen, denn sie entstehen spontan und intuitiv. Es sind flüchtige Blicke, eher aus dem Augenwinkel heraus. Motivisch kann es einfach ein Stück Natur sein - Gräser, Wellen, Kiesel, Bäume. Oder, und das sehen wir vor allem hier in dieser Ausstellung, Häuserfassaden, Gitter und Galerien. Märkte, Museen und Straßen. Ecken und Türen...

Bei diesen Fotos fällt auf, dass die all-over-Struktur vorherrschend ist, das heißt: sie haben kein Zentrum, keine eigentliche Komposition, keine Randzonen - sie sind ein Ausschnitt unserer Welt. Auf diese fotografischen „Vorlagen“ baut die Künstlerin dann im zweiten Schritt ihre Komposition auf, indem sie sich von bestimmten Eigenheiten oder Strukturen inspirieren lässt: von einem Muster, einem Gegenstand, einem Leitungsrohr, oder einer Lampe…. aus den formalen Bildinformationen erschafft sie ein Netzwerk, indem sie mit Tusche, Acryl oder Gouache Akzente setzt – Punkte, Striche, Linien oder Kreise. Sie überschreibt die Fläche, überzieht das Bild mit einer individuellen Struktur, sie drückt dem Bild sozusagen ihren Stempel auf.

Diese kleinformatigen Arbeiten sind Ausdruck eines kontinuierlichen Prozesses der Bildsuche und Bildfindung. Der Ausstellungstitel „Rapport“ verweist auch auf diese Kontinuität in ihrer Arbeit. So interpretiert. spielt der Titel auf Nahtstellen an, wie sie zum Beispiel bei Tapetenmustern auftauchen. Dort bezeichnet Rapport die Stelle, in der ein Muster unterbrochen ist und es passgenau mit der nächsten Bahn verbunden wird, damit ein einheitliches Bild entsteht. Hier in der Ausstellung meint Rapport konkret die Möglichkeit des Anschlusses, die jedem einzelnen Bild innewohnt, seine Fähigkeit zur lückenlosen Nachbarschaft. Natürlich geht es hier nicht um Passgenauigkeit, sondern vielmehr um den assoziativen Verweis, um eine spielerische Kombinatorik. Wie Elemente eines Baukastens können die Unikate zu größeren Einheiten zusammengestellt werden.

Und die kleinen Bilder haben ein großes Potential... die Ausstellung zeigt, was in ihnen noch so alles steckt: als Ausgangsmaterial, als Basis für Entwicklungen, Variationen und Experimente. Um beim eingangs erwähnten Bild des Verkehrsrondells zu bleiben: bei der künstlerischen Arbeit von Eva Rosenstiel gibt es immer wieder Wege, die aus dem Kreis ausbrechen und woanders hinführen. Die Bildfindung wird auf diesem Weg zum offenen Prozess, zur Hinterfragung und Erkundung des künstlerischen Standpunkts. Einige dieser Weiterentwicklungen – Verzweigungen könnte man sie nennen - werden in den großformatigen Arbeiten aufgezeigt, die sich unterhalb und oberhalb des Rundfrieses befinden. Der Ausstellungstitel „Rapport“ verweist, als dritte Bedeutung, auf diese Form der Bezugnahme. Als Begriff aus der Psychologie meint er den Zustand, der zu einer Anpassung an das Gegenüber führt, wenn man kommuniziert, wenn auch oft unbewusst. Das kann die Körperhaltung sein, die Gestik, die Lautstärke der Stimme... Auch die Arbeiten von Eva Rosenstiel affizieren sich gegenseitig, sie stehen zueinander in Bezug, sie spiegeln sich auf raffinierte Weise.

Apropos Spiegel. Die Neurowissenschaft macht für unsere Fähigkeit zur Empathie, viele von Ihnen haben sicher schon davon gehört, die Spiegelneurone verantwortlich. In der Kunst von Eva Rosenstiel, und ganz speziell in dieser Ausstellung, spielen Spiegel und Spiegelungen eine große Rolle. Wir wollen also noch etwas bei diesem Thema verweilen... Der Spiegel im Alltag, der unser Abbild zurückwirft, dient der prüfenden Betrachtung oder der Selbstbefragung. Die Projektion, die uns entgegentritt, verstehen wir als eine Art gedoppelte Realität. Alberti, der große Baumeister und Kunsttheoretiker der Renaissance, bezeichnete den Spiegel seiner Abbildfunktion wegen sogar als ersten Künstler. Der Spiegel reflektiert Realität – doch welche Realität? Spätestens in den Spiegelsälen und Spiegelkabinetten des Barock ist die Illusionswirkung zelebriert worden, die dem Spiegel innewohnt, seine Fähigkeit, Räume zu erweitern und in ganz neuem Licht erscheinen zu lassen. Im Spiegel entsteht ein virtueller Raum hinter der zweidimensionalen Oberfläche. Und je weniger der Bezugspunkt klar ist, desto eher entstehen Raumirritationen, ebenso wie suggestive Bildräume.

Viele Arbeiten der Ausstellung stammen aus der Pariszeit, wo Eva Rosenstiel 2009 an der Cité International des Arts Stipendiatin war. Paris die Silberstadt, Paris, Stadt der Spiegel. Die Künstlerin war mit ihrer Kleinbildkamera als Flaneurin unterwegs – nicht zuletzt zeugt der Titel einer Werkreihe davon: Flanerie. Während ihrer Spaziergänge hat sie, wie sie sagt, eine gewisse Irritation und Flüchtigkeit begleitet. Die Werke sind Ausdruck dieser psychischen Raumerfahrung, einer tastenden und suchenden Bewegung. Eine Wahrnehmung, die geprägt ist von der Überfülle an Details, von Schaufensterspiegelungen, von Brüchen, von Zerstreuung...

Der Philosoph Walter Benjamin hat in seinem Passagenwerk Paris aus einer ähnlichen Perspektive gesehen. Er ist auch viel durch Paris flaniert. Bei seinen Betrachtungen der Passagen, der überdachten Räume also, die Straßen und Boulevards miteinander verbinden und zum Schlendern einladen, hat er über die Zweideutigkeit dieser Räume geschrieben, die zugleich Innenraum und Außenraum sind, vieldeutige Binnenräume. Der äußerlichste Aspekt dieser Zweideutigkeit, so Benjamin, sei durch die Fülle an Spiegeln bedingt, der die Räume ins Märchenhafte ausweite und die Orientierung erschwere.

Bei einigen der hier gezeigten großen Formate kann man besonders gut sehen, wie Spiegelungen zur Verflüssigung von Architekturformen führen können. Alles erscheint in Auflösung begriffen, wie bei einer Fata Morgana. Bei dieser Reihe hat die Künstlerin zufällige Momente festgehalten – eben etwas, das in ihr Blickfeld geraten ist. Die durch Spiegelungen bedingte irritierende Raumerfahrung hat sie ganz bewusst in der Werkgruppe „Versailles, Jardin des Plantes“ weiter untersucht. Diese Bilder nehmen in der Ausstellung die prominente Stelle an der Stirnseite des Raumes ein und faszinieren schon durch ihre Fernwirkung.

In diesen Arbeiten wird das Ambivalente, die Verunsicherung des Raumes bewusst produziert. Ein ca. 10 x 15 cm großer Spiegel wird von der Künstlerin mit Farbpunkten aus Acryl oder Öl bemalt. Mit diesen „Reflexionstafeln“ ausgerüstet, geht sie auf Motivsuche. Hier findet also eine Umkehrung des ursprünglichen Verfahrens statt. Erst wird gemalt, dann fotografiert. Ihre Markierungen, ihren subjektiven Winkel, zieht die Künstlerin in das Bild hinein. Auf diese Weise entstehen magische Landschaftsbilder, die die Vorstellung an ein Wunderland oder einen Zauberwald in uns wach rufen. Ein geheimnisvoller Formenkosmos voller überbordender Farbigkeit. Ebenso entstehen aber auch Vexierbilder. Was ist „echt“? Was ist gemalt? Was ist gespiegelt? Was ist vorne, was hinten, was Hintergrund und was Oberfläche? Die Farbe sorgt für Verankerung, gleichzeitig entstehen durch den Spiegel irritierende Räume.

Der Spiegel spielt auch als reales Ausstellungsobjekt eine Rolle im OEuvre der Künstlerin. In einigen der hier gezeigten Arbeiten wird die Farbe direkt auf Spiegelkacheln aufgetragen. Der reale Raum – in diesem Fall ist es ja ein Kunstraum – dringt in das Kunstwerk ein und reflektiert diesen gleichzeitig. Wie kleine Ausrufezeichen haben sie in dieser Ausstellung ihren eigenen, etwas über das Geschehen schwebenden Ort eingenommen.

Und Spiegel sind manchmal auch dann im Spiel, wenn man sie auf dem ersten Blick gar nicht sieht. Bei einer Gruppe der hier gezeigten Schwarz-Weiß-Arbeiten überzieht Eva Rosenstiel Spiegel dünn mit Acrylfarbe und setzt dann Graphitzeichen darüber. Die Spiegelung wirkt nur noch unterschwellig, nur an wenigen Stellen blitzt das Licht durch.

Wenn wir von Spiegelungen sprechen, das hatte ich ja schon kurz erwähnt, ist im Werk von Eva Rosenstiel auch der Rapport gemeint, die Beziehung der Bilder untereinander. Sie können jede Menge Referenzen entdecken, zum Beispiel die Kreisformen, die immer wieder aufgegriffen und modifiziert werden, und die hier in eine Art Dialog treten, in Beziehung zueinander stehen.

Und wenn Sie genau hinschauen, können Sie sehen, welche weiteren Metamorphosen die kleinen Arbeiten in Paradiesformat durchmachen können. Zum Beispiel hat die Künstlerin bei einer Arbeit, die mitten in diesem Fries steckt, das markante Motiv der Designerlampe herausgegriffen und es in ein sich wiederholendes Muster verwandelt. Dort kann – wie bei allen anderen Arbeiten ja auch - genau zwischen ursprünglicher Form und malerischer Multiplikation, um es mal so zu nennen, unterschieden werden, denn die aufgetragene Farbe hat eine haptische Qualität und einen Duktus.

Diese Komposition mit der Designerlampe hat sie als Ausgangspunkt genommen, um ein großformatiges Bild daraus zu entwickeln. Da ist die Künstlerin ganz Malerin: Sie übernimmt das Motiv, betont einige Bildsschichten und reduziert andere, sie gestaltet die Räume. Und etwas anderes Wesentliches passiert: Die Unterscheidung zwischen dem ursprünglichen Motiv und der malerischen Ableitungen des Motivs wird aufgehoben. Das Surreale und das Mehrdeutige der Formen, das schon ansatzweise im kleinen Bild steckte, tritt nun stärker zum Vorschein. Die Formen bekommen durch die Wiederholung eine eigenwillige Kraft, sie werden abstrahiert und gleichzeitig animiert. Das gibt diesen Bildern eine surreale Anmutung. Aus einer Designerlampe werden UFOS. Oder vielleicht eher schwebende Überwachungskameras? Oder japanische Manga-Figuren?

Hier können die Betrachterinnen und Betrachter ihrer Phantasie freien Lauf lassen, mit den Ambivalenzen des Raumes und der Formen spielen.

Dass Spiegel nicht zwangsläufig reflektieren müssen, das zeigt die Installation im Eingangsbereich. Zur Installation „La valse a milles temps“ gehört die Filmaufnahme eines Karrussels, die als Loop, also als Endlosschleife präsentiert wird. Doch auf dem Spiegel sehen kann man diese Filmprojektion nicht. Nur auf den auf dem Spiegel angebrachten größeren Acrylpunkten blitzen Bilder des nostalgischen Pariser Karrussels als Fragment immer wieder auf, verschwinden, und werfen schnelle, unfassbare Schatten in den Raum. Und wir befinden uns mitten in all diesen Projektionen. Vor der Projektion des Spiegels, in dem wir uns selbst sehen. Vor der Filmprojektion auf den Acrylpunkten, die sich mit unserem Bild vermischt und uns in diese Illusionswelt hineinzieht. Umgeben von den Projektion der Projektion, dem Schatten.

Die Kunst von Eva Rosenstiel spricht die Sinne an. Doch wenn man will, lädt sie auch zum philosophieren ein. Sie verweist darauf, dass Realität etwas ist, das sich nicht ermessen lässt, das sich notwendigerweise entzieht und immer nur perspektivisch erfasst werden kann. Realität lässt sich nicht festhalten. Aber sie lässt sich mit Hilfe von Ordnungssystemen und Markierungen immer wieder neu begreifen.

Und damit wären wir, meine Damen und Herren, wieder beim Anfang der Ausstellung gelandet, der Kreis schließt sich. Und nun dürfen Sie Ihre Kreise ziehen – ich wünsche Ihnen viele interessante Entdeckungen!

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