EVA ROSENSTIEL

Nichtmaltage

von Dietrich Roeschmann

Galerie Foth - Nichtmaltage

Eigentlich, sagt Eva Rosenstiel, habe sie schon immer gerne mit armen Materialien gearbeitet. Mit Fotos aus dem Drogeriemarkt zum Beispiel, für die sich irgendwelche Werber in den 90er Jahren den Namen Paradiesformat ausgedacht hatten, weil der Urlaub am Mittelmeer oder das gemeinsame Weihnachtsfest oder welche Momente des kleinen Glücks auch immer hier auf 10 mal 15 Zentimeter Platz fanden. Ein Paradies für die Brieftasche sozusagen. Eva Rosenstiel gefiel diese Idee der Verschränkung von Realität und Virtualität, und benannte gleich eine ganze Werkgruppe nach der Drogeriebildmarke: Fotografien von Bäumen oder Wegrändern, Unterholz und Gras, Bachläufen und Kieselsteinen – was man so sieht, wenn man durch die Natur schlendert, ohne wirklich zu sehen. Nicht unbedingt Paradiese also, eher Bilder einer Welt im Augenwinkel. Sie übermalte diese Fotografien, markierte ihre Oberflächen mit Farben, grub sich mit dem Pinsel in die Strukturen der Wirklichkeitsausschnitte, die sie zeigten, und überschrieb die fotografischen Dokumente auf diese Weise mit einer eigenen, völlig neuen Wirklichkeit.

Der Suchtcharakter dieses Arbeitens war offenkundig.In ihren Ausstellungen der vergangenen Jahre überzogen die Paradiesformate (seit 2005) nicht selten ganze Wände,hundertfach zu breiten, flirrenden Farbbändern oder -feldernsortiert,in denen jedes einzelne Bild das Auge ebenso hilflos wie fasziniert zwischen den übereinander liegenden, mit- und gegeneinander verschränkten Schichten fotografischer und malerischer Informationen umher irren ließ. In folgenden, großformatigen Serien wie Pearls oder Karussell (beide 2007) radikalisierte Rosenstiel ihr Verfahren der Schichtung. Sie scannte und reproduzierte,bearbeitete die Inkjet-Prints ihrer übermalten Fotografien mit Wasser, scannte sie erneut und malte fingerdick mit Ölfarbe aufdie so entstandenen Hybride. Gerade diese aufwändige Strategie der Wiederholung und des Überschreibens, dieses unablässige Aufeinanderschichten von Bildinformationen, die jede für sich von einer künstlerischen Entscheidung erzählten, erzeugte einen eigentümlichen Sog, in dessen Zentrum auch so etwaswartete wie ein kleiner Ausblick in das anstrengende, selbstvergessene Glück, das es bedeuten müsste, ganze Tage damit zuverbringen, der fotografierten Wirklichkeit Bild für Bild immer neue Möglichkeiten zu entlocken. Maltage, im besten Sinn.

Für ihre Ausstellung „Nichtmaltage“ präsentiert Eva Rosenstiel ihre Paradiesformate nun in einem Archiv. Fein säuberlich sortiertund beschriftet ruhen sie in hölzernen Karteikästen, die jeweils zu Dreiergruppen geordnet auf drei Tischen in der Galerie zur Einsicht bereit stehen. Es sieht nicht so aus, als ob hier noch Material folgen würde, so hermetisch und abgeschlossen wirkt diese Installation der übermalten Fotoserien. Doch stimmt das? Keineswegs. Denn tatsächlich kann man in diesem Archiv auch eine konsequente Fortführung ihrer Malerei mit anderen Mitteln erkennen. Wo sich in Rosenstiels Bildern Malerei und Fotografie, Realismus und Illusion zu einem unentwirrbaren Bildkosmos überlagern, in dem zwischen Anlass und Bearbeitung, Oberfläche und Hintergrund nicht mehr zu unterscheiden ist, erweisen sich die Karteikästen plötzlich als dreidimensionale Bildkörper, die diese Bewegung des Sedimentierens und Schichtens ins Objekthafte übersetzen. So gesehen könnte man diese Archive als geologische Proben eines Jahre währenden Malprozesses sehen, die nun der Auswertung harren.

Zu welchen Ergebnisse diese führen könnte, erforscht Rosenstiel mit einer ausladenden Wandinstallation im Nebenraum. Hundertfach ist hier die immer gleiche Postkarte an die Wand geheftet, in strengen Reihen unter- und übereinander.Sie zeigt ein Motiv aus einer ihrer früheren Werkgruppen von 2004. Auf die Reproduktionen dieser kleinteiligen, flirrenden Arbeit im Polaroid-artigen Rahmen hat Rosenstiel mit dem Pinsel jeweils einen Strich Farbe gesetzt: Knallrot, Braun, Türkis, Weiß mit Spuren von Gelb oder Blau – jede Karte eine neue Farbe. Durch den pastosen Auftrag und den ölig-glänzenden Hof, den die Farbe auf der Oberfläche des Papiers bildet, scheinen diese Striche wie abstrakte Körper vor dem Bildgrund zu schweben,und lassen diesen wiederum – je nach Farbton, den er trägt – in den unterschiedlichsten Konstrasten flimmern. Die fast halluzinierende Wirkung dieser Arbeit in dem kleinen Raum könnte einen jedoch eines fast übersehen lassen. Konnte man bei ihren Werkgruppender vergangenen Jahre einen wachsenden, schier unbändigen Hang zur Akkumulation beobachten, der sich in einer enormen Vervielfältigung der einzelnen Schritte des Bildprozesses zeigte, so regiert hier plötzlich radikale Einfachheit. Der Malakt beschränkt sich auf eine einzige Begegnung von Pinsel und Papier. Der Rest ist Zurücktreten, Distanz nehmen, schauen – eine Versuchsreihe am eigenen Werk, das auf diese Weise selbst zur äußeren Wirklichkeit wird, der es neue Möglichkeiten zu entlocken gilt.

Ebenso konsequent wie überraschend ist vor diesem Hintergrund Eva Rosenstiels Hinwendung zur Zeichnung. Erste Arbeiten dieser Werkgruppe, die sie mit Graphit auf die herausgeschnittenen Innenseiten von Passpartouts – also auf betont armes Material – zeichnet, entstanden im Frühherbst 2008. Sie zeigen organische Formen, die an Blätter, Früchte, Zweige oder Wurzeln erinnern, an Umrisszeichnungen aus botanischen Lehrbüchern oder anwuchernde Zellstrukturen unter dem Mikroskop. Schwarzgrauund glänzend tauchen sie aus dem Weißraum des Hintergrundsauf und wirken dabei wie zarte, fast zeichenhaft reduzierte Fremdkörper in Rosenstiels hoch verdichtetem,farbengesättigtem Bilderkosmos. Dieser Bruch ist durchaus beabsichtigt, denn er ermöglicht ihr sowohl einen distanzierten Seitenblick auf das eigene Werk, als auch eine freie, direkte – oder wie sie sagt:„ehrliche“ – Fortschreibung des Struktur- und Formenvokabulars, das sie in ihrer Malerei durch beständiges Überarbeiten in immerabstrakteren Wendungen und Vermittlungen aus der Tiefe ihrer Bildgründe geholt hat. Gegenüber der Malerei ist die Zeichnung ein grundsätzlich offenes, ein experimentelles Medium. Sie ist Improvisation und spinnt ihren Gegenstand in einen unentwegten und unmittelbaren Prozess der Reflexion, des Sehens, Tastens und Übersetzens ein,der nicht auf Gültigkeit zielt,sondern auf Möglichkeit. Eva Rosenstiel nutzt dieses Potenzial auf ihre Weise – in einer Serie von Zeichnungen aus einer virtuellen Natur, deren Reserve so unendlich scheint, wie die Augenwinkelwelt der Paradiesformate.

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