EVA ROSENSTIEL

Neues von Blumen

von Julia Dold

Es war eine der überraschenden Erkenntnisse der 2005 in der Fondation Beyeler gezeigten Ausstellung <Blumen Mythos>1, dass das Motiv der Blume in der modernen und zeitgenössischen Kunst bis in unsere Zeit hinein eine bedeutende Rolle spielt. Doch was fasziniert die Künstlerinnen und Künstler an diesem eher lieblichen Motiv und was geschieht mit der Blume, wenn sie auf die Radikalität der modernen und zeitgenössischen Kunst stößt? Das waren zwei der Fragen, die die Konzeption dieser Ausstellung begleitet haben und die auch in der Präsentation von Eva Rosenstiel mit neuen, zum Teil noch nicht gesehenen Arbeiten beantwortet werden. Beide Ausstellungen zeigen die Unentbehrlichkeit des Motivs auch in unserer Zeit, obwohl es seine allegorische Rolle längst verloren hat und nicht mehr dazu genutzt wird, im Stillleben oder Blumenstück den Nachweis für malerische Raffinesse und Meisterschaft zu erbringen. Allerdings wurden der Blume in der modernen und zeitgenössischen Kunst neue Bedeutungen zugewiesen, zunächst und vor allem im Werk von Vincent van Gogh, für den sie zum Experimentierfeld seiner Malerei wurde. Für ihn, wie für viele Künstlerinnen und Künstler nach ihm, wurde die Blume zum Portrait seiner Persönlichkeit und Seelenzustände – Aspekte, die auch im Werk von Eva Rosenstiel zu finden sind. Einige wesentliche Themen blieben jedoch über alle Zeitläufe hinweg mit dem Blumenmotiv verknüpft: Immer noch ist die Blume ein Symbol für die vergängliche, auch eitle Schönheit, die Vanitas, und nach wie vor steht sie für die archaischen, eng miteinander verbundenen Themenbereiche Schönheit, Eros und Tod. Und natürlich verführt der pure Genuss ihrer Schönheit, die verschwenderische Freude, ja sogar die Wollust, die von den Farborgien ihrer Blüten ausgeht, Bildhauer, Installations- und Videokünstler, Fotografen und Maler auch heute noch dazu, sich mit Blumenmotiven zu beschäftigen.

In dieser Ausstellung legt Eva Rosenstiel den Fokus erstmals auf die floralen Motive, an denen sie in den letzten Jahren gearbeitet hat. Sie zeigt ein lebendiges, buntes und duftiges Bouquet malerisch bearbeiteter Fotografien und Gemälde und – gewissermaßen als Kontrapunkt dazu – Zeichnungen organisch anmutender Formen in strengem Schwarzweiß, ergänzt durch Vasen mit <Wundblumen>- Motiven, die als Künstlereditionen in der Majolika Manufaktur Karlsruhe entstanden sind. In ihrer Konzentration auf diese Werkgruppen und im Vergleich zum Gesamtwerk der Künstlerin hat diese Ausstellung den Charakter eines Kammerspiels. Wer zumindest einige der Ausstellungen Eva Rosenstiels in den letzten Jahren in Freiburg gesehen hat, kann erahnen, was für ein vielgestaltiges, ja gewaltiges und sich stets weiter verzweigendes und verästelndes Werk die Künstlerin in den letzten zwanzig Jahren geschaffen hat. Beeindruckend ist nicht nur die pure Anzahl und überwältigende Fülle der in dieser Zeit entstandenen Arbeiten, es beeindruckt auch die Konsequenz, mit der Eva Rosenstiel künstlerische Fragestellungen in Serien vertieft, variiert und auslotet, bis ein Thema oder ein Motiv gewissermaßen zu Ende bearbeitet scheint, und sie dieses Motiv, dieses Thema zu einem späteren Zeitpunkt dann noch einmal aufgreift, um es in anderen Zusammenhängen, Formaten, Materialien und Techniken in neuen Versuchsanordnungen weiter zu bearbeiten – mit der ihr eigenen spielerischen, oft auch humorvollen Experimentierfreude

Die Liebe zu Serien, meist im kleinen Format, teilt sie mit ihrem Lehrer, Professor Peter Dreher, sicherlich auch das Interesse an Landschafts- und floralen Motiven und die Notwendigkeit der täglichen, ja alltäglichen künstlerischen Arbeit: Es gibt nur wenige <Nichtmaltage> im Leben Eva Rosenstiels. Mit ihrem malerischen Duktus und einem neuen, so noch nicht gesehenen Einbezug der Fotografie in ihr Werk hat sie jedoch einen konsequenten und höchst eigenständigen Weg eingeschlagen, mit dem sie nicht nur die künstlerische Landschaft unserer Region bereichert, sondern einen spannenden Beitrag leistet zu einem neuen Verständnis und einem neuen Verschränken von Fotografie und Malerei, Einzelbild und Serie, Kopie und Original.

Ausgangspunkt für nahezu alle ihre Arbeiten sind die mit einer Kleinbildkamera Fotos, die sie im Format 10 x 15 cm, im <Paradiesformat>, entwickeln lässt. Die Motive sind beim Wandern in der Natur oder beim Flanieren in der Stadt aufgenommen – Bilder des Alltags, unspektakuläre Blicke auf Wiesen und Gärten, Häuserfassaden und Schaufenster. Auf diese Fotoabzüge werden von der Künstlerin malerische Akzente gesetzt, die sich auf das Form- und Farbvokabular der Fotografie beziehen. Zwischenzeitlich bilden diese kleinformatigen Arbeiten im ein Archiv aus Hunderten, ja Tausenden von bearbeiteten Fotografien, aus dessen Fundus Eva Rosenstiel immer wieder Motive auswählt, die sie in anderen Formaten und mit verschiedenen künstlerischen Techniken weiterbearbeitet. Sie können aber auch als Vorlage für ein Ölgemälde dienen, das keineswegs nur <abgemalt> wird, sondern wiederum eine malerische Ergänzung oder Transformation erfährt. Tatsächlich generiert Eva Rosenstiel ein komplexes, selbstreferentielles System, das sich vexierbildartig immer weiter entwickelt und einen aufmerksamen Betrachter vor irritierende Fragen stellt: Was auf diesen Bildern zeigt Realität? Was ist Realität, was ist Illusion und was ist pure Abstraktion? Welchen Realitätsgehalt hat die Fotografie? Wann und wie beginnt der künstlerische Eingriff? Und welchen Einfluss hat die Malerei, die Kunst auf unsere Wahrnehmung von Realität?

Diese Fragen stellen sich ganz unmittelbar bei jenen Arbeiten, bei denen bereits die Fotografie künstlerisch verändert wurde, diese Manipulation zunächst jedoch nur teilweise offensichtlich ist wie in den Serien <Jardin des Plantes> oder <Wonderland>. Für diese Arbeiten fotografierte Eva Rosenstiel aus der Insektenperspektive in einen kleinen, in einen Garten gestellten Spiegel mit bunten Farbkleksen. In den Fotografien dieser Serien sind es also nicht die Pflanzen, die sich so farbenfroh zeigen und diese bunte Blütenfülle und fröhliche Lebendigkeit suggerieren, die uns in diesen Bildern so sehr anspricht. In der Realität waren sie nicht vorhanden, sondern von der Malerin mit einfachen bunten Farbflecken inszeniert. Und auch erst bei genauem Hinsehen erkennen wir, wo der Blick in den Spiegel beginnt und wo wir tatsächlich die <Realität> vor uns sehen.

Dieselben, bereits bei der Aufnahme manipulierten Fotografien sind auch die Basis der Serie , bei denen die Fotos schwarzweiß abgezogen und anschließend mit zarten oder pastosen Farbaufträgen in Öl weiterbearbeitet wurden; sie sind auch die Grundlage der jüngst entstandenen Arbeiten <Neues von Blumen>, bei denen der künstlerische Eingriff durch die Zerstückelung der Motive noch radikaler und die Verschränkung von Fotografie und Malerei noch mehrschichtiger ist, sodass gemalte und fotografierte Pflanzenmotive und Farbflecken nur bei eingehender Betrachtung zu unterscheiden sind. Das Verfahren ist komplex. Es beginnt damit, dass Eva Rosenstiel einzelne Bildpartien auf der fotografischen Vorlage abdeckt (ein Verfahren, das sie in weiteren, in dieser Ausstellung gezeigten kleinformatigen Serien mit anderen Materialien ebenfalls angewandt hat) und diese Fotografien weiterbearbeitet. Mit dieser Methode entstehen beindruckende, farbstarke und wie schwebend wirkende Kompositionen mit abstrakten und naturalistischen Elementen, fotografierten und gemalten Motiven, die Eva Rosenstiel abschließend mit in Öl gesetzten Kontrapunkten zu einer ausgewogenen Gewichtsverteilung im Gesamtgefüge vervollständigt.

Mit einem Augenzwinkern bezieht sich Eva Rosenstiel mit ihrem Ausstellungstitel <Neues von Blumen> nicht nur auf diese jüngst entstandenen Arbeiten, sondern auch auf Walter Benjamin, der diesen Titel seiner Rezension des neu erschienenen Buches von Karl Bloßfeldt, <Urformen der Kunst. Photographische Pflanzenbilder>2 vorangestellt hatte, aber auch auf das Buch selbst, das den Blick auf die Blume grundlegend verändert und die Fotografie revolutioniert hat. Dieses Buch war 1928 erschienen. Sechzehn Jahre zuvor hatte Walter Benjamin nur wenige Schritte von der Galerie Claeys entfernt in der Kirchstraße gewohnt und von hier aus sein Studium der Philosophie, deutschen Literatur und Psychologie an der Albert-Ludwigs-Universität aufgenommen. Sein Weg zur Universität führte ihn an diesem Haus vorbei, in dem sich heute die Galerie befindet.

Zwar will das <blaue Band des Frühlings>3 zur Ausstellungseröffnung noch nicht so recht flattern, die weißen Schneeglöckchen und gelben Winterlinge in den Vorgärten der Kirchstraße sind dennoch Vorboten für die überwältigende Farb- und Formenpracht, die uns im Frühling und Sommer erwartet und die uns in den Arbeiten dieser Ausstellung von Eva Rosenstiel so eindrucksvoll begegnet.

1 Blumenmythos. Von Vincent van Gogh bis Jeff Koons, herausgegeben von der Fondation Beyeler, 2005

2 Walter Benjamin, Kritiken und Rezensionen. Gesammelte Schriften – Band III, herausgegeben von Hella Tiedemann-Bartels,1991

3 Eduard Mörike, aus dem Gedicht <Der Frühling lässt sein blaues Band…>

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