EVA ROSENSTIEL

Neuorte

Einführungsrede von Dr. Antje Lechleiter

Kunstpalais Badenweiler, 7. März 2015

Sehr geehrte Damen und Herren,

"Neuorte" - der Titel dieser Ausstellung mit Werken von Eva Rosenstiel ist Programm. Denn alle hier gezeigten Arbeiten resultieren entweder aus Reisen oder Artist in Residence Aufenthalten, welche die Künstlerin in den zurückliegenden 6 Jahren nach Berlin, Paris, Langenargen, Ahrenshoop, Florenz, Boston und New York geführt haben. Solche Anregungen von außen sind eine wichtige Inspirationsquelle. Denn auch wenn sich in Eva Rosenstiels Bildern viele Elemente des täglichen Lebens befinden, so befreit sich die Künstlerin doch auf den Reisen vollkommen vom Alltag und findet hier zu einer äußerst produktiven Neugierde. In der Ausstellung sind die "Neuorte" locker auf die einzelnen Räume verteilt und es gibt zusätzlich ein Element, das sich wie ein roter Faden durch diese Ausstellung und durch das Oeuvre der Künstlerin zieht: Ausgebreitet auf Tischen, in Archivkästen, als Block gehängt oder auch zu "Päckchen" zusammengeklebt finden wir ihre kleinen Blätter im sog. "Paradiesformat" von 10 x 15 cm. (Hier im Vorraum finden wir dafür zahlreiche Beispiele aus Ahrenshoop, Langenargen, Paris, Florenz und Berlin). Für mich wirkt alleine das Wort "Paradiesformat" schon wie ein Türöffner in die Welt der Phantasie. Die Künstlerin hat inzwischen tausende von diesen Kompositionen geschaffen. Als Beute von ihren Streifzügen durch Städte, Parks und Uferlandschaften bringt sie zunächst die kleinformatigen Fotografien mit. Die Motive dieser Aufnahmen provozieren dann im Atelier die Malerei zur Schöpfung weiterer Bilder. Bei den in der Ausstellung mit "Paradiesformat I" bezeichneten Arbeiten (zu denen auch die in diesem Raum gehören) erfolgt die Übermalung mit Acryl-, Gouache- und Ölfarbe, die kleinen Silberseen (Raum mit der Holzvertäfelung) entstanden durch das Aufbringen von Blattsilber. Beim "Paradiesformat II" (Beispiele hierfür finden sich im Eckzimmer) deckte Eva Rosenstiel die Motive ihrer Aufnahmen partiell mit weißer Tusche ab. Diesen verschiedenen Techniken der manuellen Überarbeitung ist die Tatsache gemein, dass sie die Fotografie - dieses Medium der Reproduktion - in ein unverwechselbares Einzelstück verwandeln. Eva Rosenstiel nutzt dabei ein großes Spektrum von Möglichkeiten. Sie verstärkt oder modifiziert nicht nur einzelne Strukturen, sie setzt manchmal auch hinsichtlich der Farbe oder Form ganz neue Schwerpunkte. Etwas ursprünglich Marginalem kann dabei plötzlich eine starke Aufmerksamkeit zukommen, umkehrt passiert es, dass eine im Foto noch dominante Form in Folge der Übermalung durch einen arabeskenhaften Schleier verhüllt wird. So führt uns die Künstlerin in ein Wunderland, in dem es alles gibt: Nicht nur den Realismus der Fotografie und die Abstraktion der Malerei sondern auch das Gegenteil davon: Den Illusionismus der Fotografie und die Gegenständlich der Malerei. Es verwundert daher nicht, dass diese kleinen Kompositionen auch als Ideenreservoir für die großen Formate dienen.

Begeben wir uns nun aber zu einzelnen "Neuorten" und beginnen wir mit "Paris".

Im Jahr 2009 führte ein Stipendium des Landes Baden-Württemberg die Künstlerin an die Cité Internationale des Arts. In dieser Zeit entstanden die Werke der Serie "Jardin des Plantes I-III", die im Eckzimmer zu sehen sind. Ein Wunderland habe ich Ihnen versprochen und das bekommen Sie mit diesen C-Prints auch. Vielleicht haben Sie sich schon erstaunt gefragt, wie diese Arbeiten wohl entstanden sind? Auf jeden Fall nicht durch die Bildbearbeitung digitaler Vorlagen, denn bei Eva Rosenstiel ist alles Handarbeit! Die Künstlerin benutzt ein selbst entwickeltes Verfahren, welches das bei den Paradiesformaten geschilderte Prinzip der Fotoübermalung nun quasi umkehrt. Denn hier kommt zuerst die Malerei und dann das Foto! Man muss sich das folgendermaßen vorstellen: Die Künstlerin arbeitet mit kleinen Spiegeln, die sie partiell mit Farbpunkten bemalt und in die Landschaft stellt. Dort fotografiert sie dann in die Spiegel hinein und erfasst soi zwei Fliegen mit einer Klappe: Nämlich die Spiegelung, also das Bild der Landschaft auf dem Spiegel sowie die - auf der Spiegeloberfläche faktisch ja bereits vorhandenen, aufgemalten Farbflächen. Es entsteht eine Verwirrung, die uns an die Doppeldeutigkeit des Wortes "Reflexion" denken lässt, meint dieser Begriff schließlich nicht nur das Zurückwerfen von Wellen und Strahlen, sondern auch Überlegung, Betrachtung und vergleichendes Denken. Ins Grübeln kommen wir in der Tat: Was bedeutet hier Bildrealität? Was ist überhaupt ein Bild, was ein Abbild und wo verläuft die Grenze zwischen dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren, der Hülle und der Wirklichkeit?

Im Jahr 2013 und Sommer 2014 weilte die Künstlerin weitere Male in Paris. Es zog sie erneut auch in den Jardin des Plantes, wo sie wieder Pflanzen fotografieren und die Idee des in die Landschaft gestellten Spiegels weiter verfolgen wollte. Doch nun entstanden Werke, in denen das geschilderte Vorgehen durch die Übermalung der Aufnahmen bereichert wurde. "Neues von Blumen" lautet so auch der Name einer Bildserie, die ebenfalls im (Eck)Raum zu sehen ist. Der Titel bezieht sich übrigens auf die Überschrift einer Rezension von Walter Benjamin zu Karl Bloßfeldts Buch "Urformen der Kunst. Photografische Pflanzenbilder" aus dem Jahr 1928. Es ist partiell erkennbar, dass bei Eva Rosenstiel eine Aufnahme, die das Resultat einer "Spiegelfotografie" ist, als Malgrund diente. Auf diesen werden nun allerdings noch Pflanzenteile aufgemalt und zusätzlich findet sich ein extrem pastoser Bereich, der über keinerlei inhaltlichen Bezüge verfügt. Sein Thema ist alleine die Präsentation des Malmittels als Grundbedingung der Bildentstehung. Die Vielfalt dieses Materialeinsatzes umspielt ein geradezu barockes Thema, entsteht doch ein Vexierbild zwischen Illusion und Wirklichkeit. Eva Rosenstiel spricht dabei selbst von einem "Materialrätsel". Wir sehen deutlich, dass der gegenständliche Bildanlass und die Aufteilung des Bildes in Vorder-, Mittel- und Hintergrund mehr und mehr an Bedeutung verloren hat und dafür der Prozess der Malerei und die Malmittel selbst - in der ganzen Palette ihrer Möglichkeiten - in den Vordergrund treten. Was empfinden wir hier als "am wirklichsten"? Das Foto, die gemalte Pflanze oder die zähe Substanz der Ölfarbe?

Die Beschäftigung mit dem, was die Bildentstehung überhaupt erst möglich macht, zeigt sich in dieser Ausstellung noch an einer anderen Stelle. Ganz und gar nicht ohne Grund präsentiert die Künstlerin in einem weiteren Raum 30 Graphitzeichnungen unterschiedlichsten Formates ungerahmt auf der Wandvertäfelung. In diesen Einzelarbeiten der Serie "Portugiesischer Garten" stand die Beschäftigung mit einfachsten Materialien im Vordergrund. Alleine der Zeichengrund ist schon ein Rest, nämlich das, was beim Schneiden eines Passepartouts übrig geblieben ist. Der unbunten Spröde des Graphit entlockt sie dann aber einen Reichtum an Dichte, Glanz und Abstufung, der uns die Einfachheit dieses Materials komplett vergessen lässt.

Wir kehren nochmals nach Paris zurück, kommen aber mit den Werken Nr. 4-13 im 2. Raum zu einem ganz anderen Thema. Als Mutter von vier Söhnen lebt Eva Rosenstiel schon lange mit Superman, Batman, Spiderman, Supergirl sowie den Sturmtruppen aus Star Wars unter einem Dach. Doch den Auslöser für die künstlerische Beschäftigung mit den künstlichen Helden bildete wieder ein Aufenthalt in Paris. Während sie durch die Straßen flanierte, fand Eva Rosenstiel ihr Motiv praktisch en passant: Im Schaufenster des Geschäftes „Album“ in der Rue Dante, das auf den Vertrieb von Sammlerspielfiguren spezialisiert ist. Eva Rosenstiel begann damit, die spiegelnde Glasfensterfront zu fotografieren. Schon alleine das Foto zieht die irritierende Vielfalt von räumlichen Ebenen zusammen und lässt die Passanten vor dem Schaufenster mit der gegenüberliegenden Häuserzeile und der Auslage hinter der Scheibe zu einem illustren Farbenspektakel verschwimmen. Doch wieder ging die Künstlerin noch einen Schritt weiter, übermalte die Figuren mit dick aufgetragener Ölfarbe und zeichnete sie prominent mit einem fetten Preisschild aus.

Von der Stadt ziehen wir aufs Land. Im Jahr 2013 weilte die Künstlerin in Langenargen am Bodensee, und wir sehen es in der Ausstellung: Eva Rosenstiel war von der Horizontalität der Landschaft fasziniert und baut ihre Bilder in Streifen von Ufer, See und Himmel auf. Den See übermalt sie nun mit Blattsilber, um das Flimmern des Wassers bei "Migränewetter" einzufangen.

Weiter geht es in den hohen Norden. Im Jahr 2014 führte die Künstlerin ein Stipendium nach Ahrenshoop. Inzwischen wird es Sie nicht mehr erstaunen, wenn ich sage, dass auch das Bild ihrer Einladungskarte ("Zuflucht AHR") dort entstanden ist. Die Palme gelangte natürlich mit Hilfe eines bemalten Spiegels an die Ostsee. Die Wassertröpfchen flogen während des Aufnahmeprozesses durch die Luft, traten also mehr oder minder zufällig ins Bild und bringen den geradezu impressionstischen Gedanken der flüchtigen Veränderung mit sich.

Im Oktober 2014 weilte die Künstlerin in den USA, sie besuchte New York und Boston und ich bin ganz begeistert von dem, was sie an neuen Ideen mitbrachte. Welche Fotos diesen Wimmelbildern zu Grunde liegen weiß ich nicht, nur ganz kleine Partien dieser Aufnahmen sind sichtbar geblieben. Irgendetwas kleinteilig Strukturiertes, Wirres muss das sein, das dann mit einem Meer aus Knöpfen, bunten Halsketten und textilem Gewebe übermalt wurde. Der Begriff "Horror vacui" greift hier nicht ganz, denn der Rand der Bilder bleibt frei. Dem Bersten dieser Überfülle ist somit ein Rahmen gegeben, der unserem ruhelos umherirrenden Auge Schutz gewährt, bevor es wieder eintaucht kann in einen Strudel, den man durchaus als Äquivalent zum Großstadterlebnis empfinden mag.

Sehr geehrte Damen und Herren, Eva Rosenstiel stellt alles, was wir über das Bild und seine Entstehung zu wissen glauben auf den Kopf und das macht uns ganz schwindelig. Ein Zustand, der sich - in diesem Fall - allerdings auf das Äußerste genießen lässt.

Hinweisen möchte ich noch darauf, dass unter dem Titel "Neues von Blumen" ab dem 15. März und bis zum 8. Mai eine weitere Ausstellung der Künstlerin in der Freiburger Galerie Claeys, Kirchstr. 37 zu sehen ist \

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